Weil sie sie lieben
Geliebt zu werden ist die wichtigste Erfahrung, die man in der frühen Kindheit machen muss. Ein Kind, das sie nicht machen konnte, kann nicht gedeihen. Sie kann auch nicht nachgeholt werden, denn sie muss in der entscheidenden Zeit der frühen Kindheit gemacht werden. Ist diese Zeit vorbei, kann kein Yoga und keine Therapie sie mehr zurückbringen. Was bleibt, sind die "Zurückgelassenen Kinder" aus dem Lied von Gerhard Schöne: "Manche gehen langsam unter, andere steigen auf im Nu, drücken dir als smarte Herren skrupellos die Kehle zu." "Kein Gewissen kann sie bremsen, bei der Schlacht ums große Geld: Die zurückgelass'nen Kinder, die sich rächen an der Welt."
Unsere Kinder können sehr herausfordernd werden und einem einiges an Geduld abverlangen. Literarisch beschrieben bewegen sie sich gerade irgendwo zwischen Maulender Myrte und Rumpelstilzchen. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, sie trotzdem und gerade deswegen lieb zu haben, aber hin und wieder kommen mir doch Zweifel, ob sie in ihrem aktuellen Zustand auch nur ihren näheren Verwandten zuzumuten sind. Vor Ostern war ich drauf und dran, den geplanten Besuch bei den Großeltern abzusagen. Das wäre aber so gewesen, als würde man sein Auto nicht mehr waschen wollen, weil es zu schmutzig ist.
Es ist wirklich rührend und macht auch Spaß, dabei zuzusehen, wie die schöne Familie meiner schönen Frau unsere Kinder nicht nur erträgt und aushält, sondern wie sie mit wachsendem Erfolg ihre Zuneigung gewinnen. Wie sie herausfinden, wie unsere Kinder ticken und wie sie immer besser verstehen, sie zu führen. Oma, Opa, Onkel und Tante sind nämlich Experten, was kleine Kinder betrifft und ich kann mir bei ihnen etwas abgucken. Es ist ein Glück, wenn Kinder nicht nur Eltern und Erzieher haben, sondern solche Verwandte. Erwachsene, die nicht ihre Eltern sind und die nicht berufsmäßig an ihrer Entwicklung interessiert sind. Sondern weil sie sie lieben.
